Die Wirtgen Group stellt die erste komplett elektrische Lösung für den Straßenfertiger-Einsatz und die nachfolgende Verdichtung vor. Der Ludwigshafener Konzern, zu dem die Marken Joseph Vögele und HAMM gehören, koppelt erstmals einen vollelektrischen Asphaltfertiger mit einer elektrischen Verdichtungswalze. Das System soll ab 2025 in Pilotprojekten zum Einsatz kommen.
Vollelektrische Prozesskette: Fertiger und Walze ohne Verbrenner
Der elektrische Vögele-Fertiger arbeitet mit einem Batteriepaket, das während des Einbaus kontinuierlich Energie liefert. Die nachfolgende HAMM-Walze verdichtet den Asphalt ebenfalls rein elektrisch. Beide Maschinen sind für den kabelgebundenen Betrieb ausgelegt, können aber auch mit Batteriekapazität autonom fahren. Die Wirtgen Group spricht von einem Meilenstein in der Elektrifizierung schwerer Baumaschinen — und meint damit vor allem den Straßenbau, der bislang kaum elektrische Lösungen kannte.
Die technischen Daten bleiben zunächst unter Verschluss. Weder Einbaubreite noch Batteriekapazität hat der Hersteller bislang kommuniziert. Klar ist: Die Maschinen richten sich an Innenstadtbaustellen, wo Lärmschutz und Emissionsfreiheit gefordert sind. In Umweltzonen mit strengen Auflagen könnten elektrische Fertiger und Walzen den Zuschlag sichern, während Diesel-Maschinen draußen bleiben müssen.
EU Stage V: Elektro als Ausweg aus der Abgasfalle
Die EU Stage V-Norm zwingt Hersteller zu aufwendigen Abgassystemen mit SCR-Katalysatoren und Partikelfiltern. Das erhöht nicht nur die Anschaffungskosten, sondern auch den Wartungsaufwand. Elektrische Antriebe umgehen diese Anforderungen komplett. Wer in Innenstädten baut, spart sich zudem die Diskussion um Fahrverbote und Sondergenehmigungen.
Für Bauunternehmer bedeutet das: Die Maschinen sind teurer in der Anschaffung, aber günstiger im Betrieb. Stromkosten liegen deutlich unter Dieselpreisen, Wartungsintervalle verlängern sich. Die Wirtgen Group positioniert ihre Elektro-Lösung bewusst als Alternative zu Stage V — nicht als Ergänzung. Wer jetzt investiert, muss keine AdBlue-Tanks füllen und keine Partikelfilter regenerieren.
Praxiseinsatz: Kabel oder Akku?
Die kabelgebundene Variante eignet sich für längere Baustrecken, auf denen eine mobile Stromversorgung mitgeführt wird. Das kann ein Generator sein, aber auch ein Netzanschluss, wenn die Baustelle in urbanen Gebieten liegt. Die Akkuvariante erlaubt autonomes Arbeiten für begrenzte Zeit — ideal für kleinere Flächen oder Reparatureinsätze.
Vergleichbare Lösungen gibt es bereits bei Volvo CE, die mit elektrischen Knickgelenkdumpern und Radladern in Serie gegangen sind. Auch Kleemann, eine weitere Marke der Wirtgen Group, hat vollelektrische Brechanlagen im Praxistest erfolgreich abgeschlossen. Der Straßenbau hinkt bislang hinterher — die neue Vögele-Hamm-Kombination soll diese Lücke schließen.
Konkurrenz und Marktpositionierung
Die Wirtgen Group ist nicht allein. BOMAG, ebenfalls auf Verdichtungstechnik spezialisiert, hat bereits elektrische Walzen im Programm. Ammann zeigt auf der bauma 2025 ebenfalls Elektro-Walzen. Der Unterschied: Wirtgen liefert die komplette Prozesskette aus einer Hand. Fertiger und Walze stammen aus demselben Konzern, die Steuerungssoftware ist aufeinander abgestimmt.
Das erleichtert die Integration auf der Baustelle. Wer bislang Maschinen verschiedener Hersteller kombinieren musste, spart sich mit der Wirtgen-Lösung Abstimmungsaufwand. Die Maschinen kommunizieren über eine gemeinsame Schnittstelle, Ladezustände und Einsatzzeiten lassen sich zentral überwachen. Das ist vor allem für Großprojekte relevant, bei denen mehrere Maschinen parallel laufen.
Kostenrechnung: Was spart der Verzicht auf Diesel?
Konkrete Preise nennt die Wirtgen Group noch nicht. Branchenüblich sind Mehrkosten von 30 bis 50 Prozent gegenüber Diesel-Maschinen. Dafür sinken die Betriebskosten: Strom kostet pro Kilowattstunde deutlich weniger als Diesel pro Liter. Bei einer durchschnittlichen Auslastung von 1.500 Betriebsstunden pro Jahr lassen sich mehrere Tausend Euro einsparen.
Hinzu kommen reduzierte Wartungskosten. Elektromotoren haben weniger bewegliche Teile, Ölwechsel entfallen, die Bremsen verschleißen langsamer durch Rekuperation. Wer eine Total Cost of Ownership (TCO) über fünf Jahre rechnet, kommt bei intensiver Nutzung auf eine Amortisation der Mehrkosten. Das gilt vor allem für Betriebe, die in Innenstädten arbeiten und dort Aufträge nur mit emissionsfreien Maschinen gewinnen können.
Ausblick: Elektrifizierung als Branchenstandard?
Die Wirtgen Group sieht in der Elektrifizierung den Branchenstandard der Zukunft. Ob das realistisch ist, hängt von mehreren Faktoren ab: Infrastruktur für Schnellladung auf Baustellen muss ausgebaut werden. Stromnetze müssen die Spitzenlasten verkraften, wenn mehrere Maschinen gleichzeitig laden. Und die Batterietechnologie muss sich weiterentwickeln, damit auch große Maschinen mit hohem Energiebedarf über ganze Schichten laufen.
Pilotprojekte sind für 2025 geplant. Erste Kunden sollen die Maschinen unter Realbedingungen testen. Die Ergebnisse fließen in die Serienentwicklung ein. Wer jetzt schon investieren will, muss warten: Eine reguläre Markteinführung ist frühestens für 2026 angekündigt. Bis dahin bleibt die elektrische Prozesskette eine Demonstration dessen, was technisch möglich ist — und ein Signal an die Branche, dass der Verzicht auf Diesel im Straßenbau machbar wird.
Die Elektrifizierung der Baustelle geht damit einen entscheidenden Schritt weiter. Nach Baggern, Radladern und Dumpern folgen nun Fertiger und Walzen. Die Frage ist nicht mehr, ob Elektro im Straßenbau kommt — sondern wann es sich flächendeckend durchsetzt.




