Die Wirtgen Group präsentiert erstmals eine vollständige Baureihe von Straßenbaumaschinen, die zu 100% elektrisch angetrieben werden. Ein Straßenfertiger von Vögele und ein Walze von Hamm arbeiten nun ohne Verbrennungsmotor. Das deutsche Unternehmen mit Sitz in Windhagen und Ludwigshafen konzentriert sich auf den europäischen Stadtmarkt, wo die Emissionsvorschriften immer strenger werden.
Warum Straßenbaustellen elektrisch werden
Straßenbaustellen konzentrieren mehrere Maschinen auf kleinem Raum. Ein Standard-Asphaltprojekt benötigt 3 bis 5 Geräte gleichzeitig: Straßenfertiger, Tandem- und Pneumatikwalzen, Fräsmaschine im Vorfeld. Jede Maschine läuft kontinuierlich 8 bis 12 Stunden. Lärm- und Partikelemissionen häufen sich an, besonders in städtischen Gebieten. Paris, Berlin, Amsterdam und Mailand verbieten bereits Stage-III-Maschinen in ihren Niedrigemissionszonen. Bis 2025 werden etwa zwanzig europäische Metropolen folgen.
Verdichtung ist der Schritt mit dem höchsten Treibstoffverbrauch pro Quadratmeter verlegter Fläche. Eine 10-Tonnen-Tandemwalze verbraucht 12 bis 18 Liter Diesel pro Stunde, je nach Verdichtungsintensität. Auf einer 5.000 m² großen Asphaltfläche entspricht dies 150 bis 200 Litern nur für die Verdichtung. Die Elektrifizierung dieser Phase senkt direkt die Betriebskosten und Emissionen. Die Wirtgen Group hat sich daher für den Einstieg mit diesen zwei kritischen Maschinen entschieden.
Vögele Straßenfertiger: Leistung und tatsächliche Reichweite
Der elektrische Vögele Straßenfertiger basiert auf der bewährten Plattform der thermischen Modelle von 6 bis 8 Tonnen. Die Einbaubreite erreicht 3 bis 9 Meter mit ausfahrbarem Hydrauliktisch. Die Bunkerkapazität bleibt bei 10 Tonnen Asphalt. Der elektrische Antrieb erbringt eine Leistung von 130 kW, vergleichbar mit dem Vier-Zylinder-Diesel, den er ersetzt. Die angegebene Reichweite beträgt 6 Stunden bei kontinuierlicher Verlegung mit Standardgeschwindigkeit von 2 bis 4 m/min.
Der Straßenfertiger integriert ein Batteriepaket mit 300 kWh, das flüssigkeitsgekühlt ist. Das Schnellladen mit 400 V Drehstrom erfolgt in 2 Stunden über CCS-Industriestecker. Auf der Baustelle reichen ein Notstromaggregat oder eine Standard-Netzanbindung aus. Vögele bietet auch eine mobile Ladelösung auf Anhänger für abgelegene Standorte an. Das Gesamtgewicht erhöht sich um 800 kg gegenüber der Dieselversion, bleibt aber innerhalb der Grenzen für den Straßentransport ohne Spezialkonvoi.
Der Straßenfertiger behält alle Assistenzsysteme: 3D-Nivellierung, automatische Dickenkontrolle, einstellbare Vorverdichtung. Der Hydrauliktisch wird von Elektropumpen angetrieben, wodurch Druckverluste des Dieselkreislaufs entfallen. Die Aufheiztemperatur des Tisches erreicht 180°C in 20 Minuten, im Vergleich zu 25 bis 30 Minuten bei einem Thermischen Fertiger. Dies reduziert Wartezeiten zu Schichtbeginn.
Hamm Walze: Elektroverdichtung und Antrieb
Die elektrische Hamm Tandemwalze übernimmt die Architektur der Modelle von 10 bis 12 Tonnen. Zwei Zylinder von je 1,50 m Breite gewährleisten Verdichtung über 3 m Breite. Die einstellbare Vibrationsfrequenz reicht von 30 bis 60 Hz, mit einstellbarer Amplitude von 0,4 bis 1,8 mm. Die Zentrifugalkraft erreicht 110 kN, ausreichend zum Verdichten bis 30 cm Dicke pro Durchgang auf heißem Asphalt.
Das Batteriepaket mit 250 kWh versorgt die Elektromotoren für Antrieb und Vibrationsrüttler. Die angegebene Reichweite beträgt 8 Stunden im durchgehenden Vibrationsbetrieb. Das Wärmemanagementsystem kühlt Batterien und Motoren in einem geschlossenen Kreislauf. Das vollständige Laden mit 400 V dauert 90 Minuten. Hamm bietet Schnellladen in 45 Minuten über ein 600-V-System an, erhältlich als Option.
Die elektrische Walze wiegt 950 kg mehr als ihr Diesel-Äquivalent. Das zusätzliche Gewicht konzentriert sich auf die hintere Walze und verbessert die Gewichtsverteilung und Verdichtungswirkung. Die Höchstgeschwindigkeit bleibt im Transportmodus bei 12 km/h. Der Schwerpunkt ist um 8 cm abgesenkt und verbessert die Stabilität auf Steigungen. Der Schalldruckpegel sinkt auf 72 dB(A) im Betrieb, 15 dB weniger als bei einer thermischen Walze. Dies ermöglicht Nachtarbeit in Wohngebieten ohne Ausnahmegenehmigung.
TCO: Berechnung über 7 Jahre Betrieb
Der elektrische Vögele Straßenfertiger wird etwa 30% teurer als sein Diesel-Äquivalent vermarktet. Ein Thermisches Modell dieser Kategorie kostet zwischen 220.000 und 250.000 €. Die elektrische Version liegt also bei etwa 290.000 bis 320.000 €. Die elektrische Hamm Walze zeigt einen Mehrpreis von 25%, d.h. 140.000 bis 160.000 € gegenüber 110.000 bis 130.000 € bei Diesel.
Die Betriebskosten verschaffen schnell einen Vorteil für das Elektrische. Ein Diesel-Straßenfertiger verbraucht 15 bis 20 Liter pro Stunde, also 120 bis 160 Liter pro Baustellentag. Bei 1,60 €/Liter entspricht dies 190 bis 250 € pro Tag. Der elektrische Straßenfertiger verbraucht 50 kWh pro Verlegtag, also 10 bis 15 € zum gewerblichen Tarif von 0,20 bis 0,30 €/kWh. Die Einsparung erreicht 180 bis 240 € pro Tag oder 45.000 bis 60.000 € auf 250 Baustellentage pro Jahr.
Die Wartung sinkt um 40 bis 50%: keine Ölwechsel, keine Partikelfilter, kein SCR-Katalysator zum Austausch. Rekuperationsbremsen reduzieren den Verschleiß der Bremsbeläge. Über 7 Jahre entspricht die Wartungsdifferenz 25.000 bis 35.000 € je nach Nutzungsintensität. Die Amortisation des Kaufpreisaufschlags erfolgt daher in 18 bis 24 Monaten für ein Unternehmen mit voller Auslastung. Für einen Vermietungsunternehmer mit intermittierender Nutzung erstreckt sich die Amortisierung auf 3 bis 4 Jahre.
Stadtregulierung: Der echte Motor der Elektrifizierung
Europäische Niedrigemissionszonen (ZFE) schließen Stage-III-Maschinen bereits seit 2023 in 12 Metropolen aus. Paris, Lyon, Marseille, Barcelona, Mailand verbieten Maschinen älter als 10 Jahre. Bis 2025 werden Brüssel, Amsterdam, Berlin und Kopenhagen Stage-V-Minimum für alle öffentlichen Baustellen vorschreiben. Die Geldstrafen liegen zwischen 500 und 2.000 € pro Maschine und pro Tag Nichtkonformität.
Öffentliche Ausschreibungen integrieren nun verbindliche Umweltkriterien. Die Stadt Paris vergibt 20% der Punkte für Emissionen und Lärm. Einige Stadtinstandhaltungsaufträge schreiben Nullemissionen für mindestens 50% der Maschinen vor. Ein elektrischer Straßenfertiger und eine Walze ermöglichen es, dieses Kontingent zu erfüllen, ohne die Versorgungslaster zu ändern. Diese Kombination bietet einen entscheidenden Vorteil gegenüber vollständig thermischen Konkurrenten.
Nachtbaustellen werden rentabel. Der Schalldruckpegel von 72 dB(A) für die Walze und 68 dB(A) für den Straßenfertiger ermöglicht Arbeit zwischen 22 und 6 Uhr ohne Genehmigung in den meisten Gemeinden. Die nächtliche Leistung steigt um 30 bis 40% gegenüber dem Tag, dank fehlenden Verkehrs. Der Produktivitätsgewinn kompensiert weitgehend die höheren Lohnkosten. Auf einer Stadtbaustelle von 10.000 m² verkürzt sich die Dauer durch Nachtarbeit von 12 auf 7 Werktage.
Geschäftliches Rollout und Perspektiven
Die Wirtgen Group wird die beiden Maschinen in limitierter Serie im zweiten Halbjahr 2025 einführen. Die ersten Lieferungen zielen auf große französische, deutsche und niederländische Straßenbaugruppen, die bereits über thermische Vögele- und Hamm-Flotten verfügen. Eine Standard-Serienproduktion ist für 2026 vorgesehen, mit einer Kapazität von 150 bis 200 Einheiten pro Jahr für jedes Modell.
Die Gruppe entwickelt parallel eine elektrische Kaltfräsmaschine mit 2 m Breite. Dieses dritte Glied ermöglicht ab 2027 eine 100% elektrische Straßenbauanlage. Das Ziel ist, 80% des Bedarfs einer Standard-Stadtbaustelle ohne Thermik-Maschinen zu decken. Bleiben die Asphalt-Versorgungslaster, wo Elektrifizierung noch an Reichweiten- und Nutzlastgrenzen scheitert.
Für Unternehmen, die jetzt investieren, ist das Obsoleszenzrisiko gering. Batterien mit 5.000-Zyklus-Garantie behalten nach 7 Jahren intensiver Nutzung 80% Kapazität. Der Pack-Austausch kostet 25.000 bis 35.000 €, weniger als eine Diesel-Motorüberholung. Hydraulik und Mechanik bleiben mit Thermik-Modellen austauschbar, erleichtern Ersatzteilmanagement. Die Wirtgen-Elektro-Plattform folgt einer schrittweisen Übergangsstrategie, nicht einem abrupten Bruch. Automatisierung kommt danach, sobald die E-Basis stabilisiert ist.






