Der Schwanauer Herrenknecht-Konzern demonstriert sein digitales Baustellenmanagement-System an einem Londoner Infrastrukturprojekt und deutet damit eine mögliche Neuausrichtung vom reinen Maschinenhersteller zum Anbieter digitaler Tunnelbau-Lösungen an. Das Prestigeprojekt in der britischen Hauptstadt dient als Referenz für die Technologie, die Herrenknecht unter dem Arbeitstitel „The Future Of Underground Space" vermarktet.

Das System vernetzt Tunnelbohrmaschinen (TBM) mit zentralen Steuerungseinheiten und integriert Prozessdaten direkt in die Projektplanung. Damit positioniert sich Herrenknecht in einem Markt, der bislang von reinen Software-Anbietern dominiert wurde. Die Verknüpfung von Maschinen- und Prozessdaten ermöglicht Echtzeitüberwachung von Vortriebsleistung, Werkzeugverschleiß und geologischen Parametern – Faktoren, die bei urbanen Tunnelprojekten über Standzeiten und Amortisation entscheiden.

Der Einsatz in London ist strategisch gewählt: Die britische Metropole gilt als einer der anspruchsvollsten Märkte für unterirdische Infrastruktur mit komplexer Geologie und dichter Bebauung. Herrenknecht liefert für Projekte dieser Art nicht nur die TBM-Technik, sondern zunehmend auch digitale Planungs- und Steuerungswerkzeuge. Diese Kombination aus Hardware und Software könnte die Wettbewerbsposition gegenüber asiatischen Maschinenherstellern stärken, die preislich oft aggressiver auftreten.

Die Digitalisierung im Tunnelbau folgt einem ähnlichen Muster wie bei Erdbaumaschinen: Ähnlich wie Telematik-Systeme bei Baggern und Radladern inzwischen Standard sind, entwickeln sich vernetzte Steuerungssysteme zum Differenzierungsmerkmal im Spezialtiefbau. Auch BIM (Building Information Modeling) gewinnt im unterirdischen Infrastrukturbau an Bedeutung, da Planungsmodelle direkt in Maschinendaten übersetzt werden können.

Für Bauunternehmen, die in innerstädtische Großtunnel investieren, bedeutet die digitale Ausrichtung potenziell kürzere Einweisungszeiten, bessere Dokumentation gegenüber Auftraggebern und präzisere Kalkulation von Betriebsstunden. Ob sich Herrenknecht langfristig als Plattform-Anbieter etablieren kann, hängt davon ab, ob die Systeme auch mit Maschinen anderer Hersteller kompatibel werden – eine Frage, die das Unternehmen bislang offenlässt.

Die Branche beobachtet den Vorstoß mit Interesse: Während Hersteller wie Liebherr und BAUER im Spezialtiefbau ebenfalls digitale Lösungen entwickeln, verfügt Herrenknecht über die weltweit größte installierte Basis an TBM-Projekten – ein Datenvorteil, der bei der Entwicklung lernender Systeme entscheidend sein könnte.