Der schwedische Stahlkonzern SSAB positioniert sich als Vorreiter bei der Transformation zur fossilfreien Stahlproduktion. Doch während Medienberichte von "kleinen grünen Stahl-Pünktchen" sprechen, stellt sich für die Baumaschinenindustrie eine zentrale Frage: Wie ernst ist die Dekarbonisierung wirklich – und welche Auswirkungen hat sie auf die OEM-Strategien zwischen Wettbewerbsdruck, Nachhaltigkeitsversprechen und Kostenkalkülen?

SSAB-Transformation: Vom Hochofen zur Wasserstoff-Direktreduktion

SSAB verfolgt mit dem Projekt HYBRIT (Hydrogen Breakthrough Ironmaking Technology) einen radikalen Ansatz: Die traditionelle Hochofenroute mit Koks als Reduktionsmittel wird durch eine Direktreduktionsanlage ersetzt, die Eisenerz mit grünem Wasserstoff zu Eisenschwamm verarbeitet. Dieser wird anschließend in Elektrolichtbogenöfen zu Stahl geschmolzen. Das Verfahren eliminiert theoretisch die prozessbedingten CO₂-Emissionen der Stahlproduktion, die etwa 70 Prozent der Gesamtemissionen ausmachen.

Die ersten kommerziellen Lieferungen von fossilfreiem Stahl erfolgten bereits an Automobilhersteller wie Volvo Cars und an Volvo Construction Equipment. Für Baumaschinen-OEMs ist dies ein Signal: Grüner Stahl ist keine Zukunftsvision mehr, sondern wird in kleinen, aber wachsenden Mengen verfügbar. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann und zu welchen Konditionen.

Wettbewerbsfaktor Nachhaltigkeit: Welche OEMs setzen auf Green Steel?

Volvo Construction Equipment (www.volvoce.com) hat bereits öffentlich kommuniziert, SSAB-Stahl für Prototypen elektrischer Knickgelenkdumper und Radlader zu verwenden. Das Unternehmen plant, den Anteil fossilfreien Stahls schrittweise zu erhöhen und strebt an, bis 2030 signifikante Mengen in der Serienproduktion einzusetzen. Dies fügt sich in die übergeordnete Strategie ein, die gesamte Wertschöpfungskette zu dekarbonisieren – von der Materialbeschaffung über die Produktion bis zur Nutzungsphase.

Liebherr (www.liebherr.com) kommuniziert zurückhaltender, hat jedoch in Nachhaltigkeitsberichten angekündigt, die CO₂-Bilanz der verwendeten Materialien zu analysieren und Lieferanten mit niedrigeren Emissionswerten zu bevorzugen. Für Mobilkrane und Raupenkrane, bei denen hochfester Stahl eine zentrale Rolle spielt, wäre eine Umstellung auf grünen Stahl ein bedeutender Hebel zur Emissionsreduktion.

Caterpillar (www.caterpillar.com) und Komatsu (www.komatsu.com) haben bislang keine konkreten Vereinbarungen mit SSAB oder anderen Green-Steel-Produzenten kommuniziert, setzen aber auf Scope-3-Reduktionsziele, die auch die vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette einschließen. Für große Hydraulikbagger und Muldenkipper, deren Stahlanteil mehrere Dutzend Tonnen beträgt, könnten Substitutionseffekte erheblich sein.

Kostenrisiken und Wettbewerbsdruck: Wer trägt die Prämie für grünen Stahl?

Grüner Stahl ist derzeit deutlich teurer als konventionell produzierter Stahl. Schätzungen gehen von einer Prämie zwischen 20 und 40 Prozent aus, abhängig von Produktqualität und Abnahmemenge. Für einen schweren Raupenbagger mit einem Eigengewicht von 50 Tonnen, von denen etwa 40 Tonnen Stahl sind, würde dies Mehrkosten im fünfstelligen Eurobereich bedeuten.

Die entscheidende Frage lautet: Wer trägt diese Kosten? Bauunternehmen, die zunehmend unter Druck stehen, Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen, könnten bereit sein, einen Aufpreis zu zahlen – insbesondere bei öffentlichen Ausschreibungen, die CO₂-Fußabdrücke bewerten. Doch in preissensitiven Märkten, etwa im Erdbau oder bei kleineren Tiefbauunternehmen, dürfte die Akzeptanz gering sein.

OEMs stehen vor einem Dilemma: Wer grünen Stahl einsetzt, ohne die Kosten weitergeben zu können, verliert Margenpunkte. Wer nicht einsetzt, riskiert Reputationsverluste und den Ausschluss von nachhaltigkeitsorientierten Ausschreibungen. Ein klassisches Gefangenendilemma, das nur durch branchenweite Standards oder regulatorische Vorgaben aufgelöst werden könnte.

Lieferkettenrisiken: Ist SSAB skalierbar genug?

SSAB plant, bis 2026 eine Produktionskapazität von rund 1,3 Millionen Tonnen fossilfreien Stahls aufzubauen. Das klingt nach viel, ist aber nur ein Bruchteil der globalen Stahlnachfrage der Baumaschinenindustrie. Zum Vergleich: Allein Caterpillar dürfte jährlich mehrere Millionen Tonnen Stahl für Maschinen und Komponenten benötigen.

Die Verfügbarkeit grünen Stahls bleibt damit ein Engpassfaktor. OEMs, die frühzeitig langfristige Lieferverträge sichern, verschaffen sich einen Wettbewerbsvorteil – nicht nur in der Nachhaltigkeitskommunikation, sondern auch in der Versorgungssicherheit. Wer zu spät kommt, könnte in fünf Jahren vor verschlossenen Türen stehen.

Materialeigenschaften: Ist grüner Stahl technisch gleichwertig?

Ein häufig unterschätztes Thema ist die Frage nach den mechanischen Eigenschaften. Hochfeste Stähle, wie sie für Ausleger von Mobilkranen oder Ausleger von schweren Baggern verwendet werden, müssen extreme Belastungen aushalten. SSAB hat zwar nachgewiesen, dass fossilfreier Stahl die gleichen Festigkeitsklassen erreichen kann, doch die Langzeiterfahrung fehlt.

Für sicherheitskritische Komponenten wie Drehkränze, Hakenflasche oder tragende Rahmenstrukturen ist dies ein relevanter Aspekt. OEMs werden umfangreiche Materialprüfungen und Zertifizierungen durchlaufen müssen, bevor grüner Stahl in diesen Bereichen zum Einsatz kommt. Dies verzögert die breite Einführung zusätzlich.

Regulatorischer Druck: EU-Taxonomie und CO₂-Grenzausgleich

Der regulatorische Rahmen verschärft sich. Die EU-Taxonomie definiert Kriterien für nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten, und der geplante CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) wird Importe von Stahl und anderen emissionsintensiven Materialien mit Abgaben belegen. Dies verändert die Wettbewerbssituation: Stahl aus Regionen mit niedrigen Umweltstandards wird teurer, während grüner Stahl aus Europa relativ günstiger wird.

Für Baumaschinen-OEMs bedeutet dies: Wer heute in grüne Lieferketten investiert, sichert sich gegen zukünftige regulatorische Kosten ab. Wer abwartet, zahlt später doppelt – einmal für den späteren Einstieg, einmal für die CBAM-Abgaben auf konventionellen Stahl.

Praxisrelevanz: Wo spielt grüner Stahl die größte Rolle?

Nicht jede Maschinenklasse ist gleichermaßen betroffen. Für kompakte Geräte wie Minibagger oder Vibrationsplatten ist der Stahlanteil relativ gering; hier dominieren andere Kostenblöcke wie Antriebstechnik und Hydraulik. Anders sieht es bei schweren Erdbewegungsmaschinen, Kränen und Großgeräten aus: Hier macht Stahl einen signifikanten Anteil an Material- und CO₂-Bilanz aus.

Besonders relevant ist grüner Stahl für Hersteller, die sich im Premium-Segment positionieren und Nachhaltigkeit als Verkaufsargument nutzen. Liebherr, Volvo CE und Caterpillar könnten hier vorangehen, während asiatische Hersteller wie SANY oder XCMG zunächst auf Kostenführerschaft setzen dürften.

Fazit: Grüner Stahl als strategisches Differenzierungsmerkmal

Die Dekarbonisierung der Stahlproduktion durch Unternehmen wie SSAB ist mehr als eine technologische Spielerei. Sie wird zum strategischen Faktor für Baumaschinen-OEMs, die sich zwischen Nachhaltigkeitsversprechen, Kostenmanagement und Lieferkettensicherheit positionieren müssen. Wer frühzeitig auf grünen Stahl setzt, gewinnt an Glaubwürdigkeit und sichert sich Zugang zu knappen Ressourcen. Wer zögert, riskiert Wettbewerbsnachteile in einem Markt, der zunehmend von regulatorischen Vorgaben und Kundennachfrage nach klimaneutralen Lösungen geprägt wird.

Die nächsten Jahre werden zeigen, welche Hersteller die Transformation ernst nehmen – und welche nur grüne Pünktchen auf ihre Marketingmaterialien drucken. Für Betreiber und Einkäufer wird die Frage nach der Materialherkunft künftig genauso wichtig wie die nach Kraftstoffverbrauch und Wartungskosten. Grüner Stahl ist kein Nischenthema mehr, sondern ein Wettbewerbsfaktor, der die Branche nachhaltig verändert.